03.04.2017: MAZ

Schlachtfeld, Rieselfeld und eine märkische Perle

Ruhlsdorf hat Potenzial für Naherholung und Tourismus – es wird bisher aber kaum genutzt

Ein richtiger Feldherrenhügel, so wie man ihn von alten Gemälden kennt, ist das nicht, was sich da am Rande von Ruhlsdorf erhebt. Es ist ein sehr sehr kleiner Hügel, von dem der schwedische Thronfolger Jean-Baptiste Bernadotte am 23. August 1813 in der Schlacht von Großbeeren schwedische und russische Truppen befehligte – beziehungsweise befehligt haben soll. In Wirklichkeit hätten auf dem Hügelchen nur Bernadottes Späher gesessen, ist Frank Mohrmann von der Agenda-Gruppe Landschaftsschutz überzeugt. Das ist gut denkbar. Aus den Aufzeichnungen Hermann von Boyens, dem Stabschef beim preußischen General von Bülow, geht jedenfalls hervor, dass Bernadotte ungeachtet des nahenden Kanonendonners in der Ruhlsdorfer Windmühle campierte, und zwar auf einem aus Mehlsäcken gebildeten, „mit zierlichen Teppichen belegten Diwan“. Wie auch immer, Fakt ist: Hier fand eine bedeutende Schlacht der Befreiungskriege gegen Napoleon statt. Frankreich unterlag, womit ein erneutes Vordringen der napoleonischen Truppen nach Berlin verhindert und die französische Herrschaft in der Mark Brandenburg beendet wurde. Den siegreichen Angriff hatte – gegen den Willen des Oberkommandierenden Bernadotte – von Bülow befohlen. Sein Sieg ersparte dem schwedischen Kronprinzen übrigens eine direkte Begegnung mit seinen ehemaligen Kameraden Charles Nicolas Oudinot und Michel Ney – Bernadotte hatte nämlich selbst im Dienste Napoleons gestanden, bevor er von den Schweden als Thronfolger abgeworben wurde.

Auf dem Hügelchen erinnert eine nach ihm benannte, ungefähr 120 Jahre alte Linde an Bernadotte. Ihr Stamm ist hohl und hat einen Umfang von 3,35 Metern. Man kann von der Linde in Richtung Osten blicken und versuchen, sich vorzustellen, wie sich da – bei strömendem Regen – Zehntausende Soldaten ein furchtbares Gemetzel lieferten. Die Linde steht aber nicht nur an einem ehemaligen Schlachtfeld, sondern auch an einem ehemaligen Rieselfeld. Die Rieselfelder wurden Ende des 19. Jahrhunderts von James Holbrecht angelegt und dienten zur Entsorgung und Reinigung der Abwässer Berlins. Nach der deutschen Wiedervereinigung rückten die inzwischen stillgelegten Flächen ins Blickfeld begehrlicher Investoren. Großbeeren stellte seine Rieselfelder für den Bau des Güterverkehrszentrums (GVZ) zur Verfügung. Die Gemeinde profitierte bei den Investitionen von Fördermaßnahmen im Zusammenhang mit dem Flughafenbau in Schönefeld. Windkraftanlagen sind ebenfalls an Ruhlsdorf herangerückt, eine neue soll auf der Gemarkung Großbeeren gerade gebaut werden.

Vom Ruhlsdorfer Rieselfeld aus sind die Hallen des GVZ und die Windräder in der Ferne zu sehen, aber zu hören ist kaum etwas. Auf den Flächen wird Grünlandwirtschaft betrieben, Heu für die Pferde. Ansonsten gibt es nur wenige Eingriffe in die Natur. Das Rieselfeld ist Teil des Teltowparks. 2015 wurde es vom Landkreis Potsdam-Mittelmark zum „Geschützten Landschaftsteil“ erklärt. Damit soll zum Beispiel die Vogelwelt erhalten werden. Das Areal ist Heimat seltener Arten wie Wachtelkönig, Braunkehlchen, Wendehals und Sperbergrasmücke. Fast immer lassen sich auf dem Feld Rehe beobachten.

„Die Gegend ist wunderschön frei“, schwärmt Marion Korn, die in vierter Generation das Ruhlsdorfer Landhotel Hammer betreibt, vom Fernblick in die Landschaft. Wenn da nicht Bauten wie der Fernsehturm am Alex, das Kraftwerk Lichterfelde und der Fernmeldeturm auf dem Schäferberg wären, man könnte sich weit weg fühlen vom brodelnden Berlin mit seinen dreieinhalb Millionen Einwohnern. Manchmal kommen Gäste von Marion Korn mit Taschen voller Äpfel oder Beeren zurück ins Hotel. Man kann Marmelade daraus machen. Die Äpfel wachsen an uralten, knorrigen Bäumen, denen kaum zuzutrauen wäre, dass sie noch tragen.

Wenn zwei Autos am Zugang zu den Rieselfeldern stehen, ist das schon viel. Meist gehören sie Berliner Hundehaltern. Dabei gibt es sogar ausgeschilderte Wanderwege. „Aber andere Hinweisschilder fehlen“, bedauert Marion Korn. Die Schilder könnten nicht nur auf die Bernadotte-Linde hinweisen, sondern zum Beispiel auch auf den benachbarten alten Gutsfriedhof. Frank Mohrmann hat solche Schilder bereits angefertigt, aber noch nicht angebracht. Der Elektromeister hatte in Berlin einen eigenen Betrieb, ehe er 1992 nach Ruhlsdorf zog. Seit 1996 engagiert er sich für die Natur, ist Imker und nach eigenen Angaben Erfinder des Begriffs „Bienarium“, was ein lebendiges Bienenmuseum ist. Außerdem betreibt Mohrmann ein Gästehaus. Er hat viele Ideen entwickelt, um Ruhlsdorf und seine Umgebung touristisch zu erschließen; so etwas Ähnliches wie die Domäne Dahlem, das wäre es. Doch es mangelt an Leuten, die mitmachen. Vielleicht werden es bald mehr. Jedenfalls hofft Mohrmann auf neuen Schwung, nachdem er dieser Tage ein Gespräch mit Teltows Bürgermeister Thomas Schmidt (SPD) hatte. Schmidt habe sich sehr offen gezeigt für seine Ideen, sagt Mohrmann, der bei dieser Gelegenheit auch erfuhr, dass die Fläche, auf der sich der Gutsriedhof und die Bernadotte-Linde befinden, seit 2016 im Eigentum Teltows ist. „Dadurch kann die Stadt ganz anders agieren“, freut sich Mohrmann. Für ihn ist klar: „Ruhlsdorf, das ist eine Perle unter den märkischen Dörfern.“

Stephan Laude

MAZ, 3.4.2017
im Internet erschienen unter: Unendliche Weiten im Teltowpark http://www.maz-online.de/Lokales/Potsdam-Mittelmark/Ruhlsdorf-hat-grosses-Potenzial-fuer-Naherholung-und-Tourismus
Fotos des Autors zum Artikel --> Galerie

(veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Autors)

07.07.2015: pnn